Geschichte der Wallfahrtskirche

 

Im Jahr 1907 wurde der Bau der Pfarr- und Wallfahrtskirche vollendet. Sie wurde auf dem früheren „Wassergarten" des Grafen von Wiser im neugotischen Stil gebaut und Johannes dem Täufer geweiht.

Der Haupt- und die beiden Seitenaltäre, von Franz Hausch geschaffen, gelten als Mei­ster­werke der Holzschnitzerei. Der Marienal­tar enthält eine schwarze Madonna, zu der jedes Jahr viele Wallfahrer pilgern. Die Wallfahrt hat eine über 250-jährige Tradition. Am Hauptwall­fahrtstag Maria Himmelfahrt ziehen viele hunderte Pilger in einer langen Lichterpro­zession durch den gräflichen Schlosspark. Heute noch steht vor dem Schloss der Familie von Wiser die alte Kapelle, in welche die Vorfahren des Grafen die schwarze Madonna gebracht hatten und die sie bis zum Bau der Kirche beheimatete.

Ein Huser Mark, die wohl auf Leutershausen zu beziehen ist, bestand schon im Jahre 801. Der Adelige Liuthar schenkte 877 sein Eigentum im Weiler Hausen (in wilare Husa) an das Kloster Lorsch, das im frühen Mittelalter eine der berühmtesten Reichsabteien war. Im Lorscher Codex, einer Sammlung von Dokumenten des Klosters, die um 1200 entstand, ist auch die Schenkungsurkunde des Liuthari zu finden. Sie ist der erste gesicherte Nachweis der Existenz einer Siedlung an diesem Ort. Zugleich ist in ihr die Entstehung des Ortsnamens erklärt. In der Schenkungsurkunde hören wir zum ersten Mal von einer Kirche in Leutershausen. Liuthari übergab neben anderem Besitz auch eine Basilika. Dieses Wort bedeutet "Haus des Königs" - "Haus Gottes". Die Kirche stand an der Stelle, wo sich heute die evangelische Kirche erhebt.

Zur Pfarrei Leutershausen gehörten damals folgende Orte im Odenwald: Heiligkreuz, Rippenweier, Rittenweier, Oberflockenbach, Steinklingen, Wünschmichelbach und Ursenbach. Alle Orte außer Ursenbach gehören heute noch als Filiale zur katholischen Pfarrei Leutershausen. Nach dem Niedergang des großen Reichsklosters Lorsch fiel der Besitz 1232 an das Erzbistum Mainz, das nun auch Leutershausen zu besetzen hatte. 1484 fiel die Pfarrei an das Domkapitel Worms. In dieser Zeit ist zum ersten Mal das Patrozinium Johannes des Täufers für die Kirche bezeugt. Über dem Ort lag im Mittelalter die Burg Hirschberg, die Stammburg der Herren von Hirschberg. Sie wird urkundlich zum ersten Mal im Jahre 1142 erwähnt. Heute sind davon nur noch wenige Mauerreste zu sehen, denn die Burg ist wohl schon im 14. Jahrhundert zerstört worden. Die Herren von Hirschberg übten lange Zeit Herrschaftsrechte in Leutershausen aus. Heute trägt die Einheitsgemeinde, die durch den Zusammenschluss von Leutershausen und seinem Nachbarort Großsachsen entstanden ist, den Namen Hirschberg. Große Teile der Gemarkung Leutershausen und die Herrschaftsrechte über das Dorf waren das "Hirschberger Lehen", das zunächst vom Kloster Lorsch verwaltet und genutzt wurde, dann an die Pfalzgrafen fiel. Das Geschlecht der Hirschberger ist im Jahre 1611 ausgestorben.

Während der Wirren des dreißigjährigen Krieges, in denen Leutershausen fast völlig eingeäschert wurde, musste auch das Hirschberger Lehen die häufig wechselnden Besitzverhältnisse mitmachen. Nach dem Westfälischen Frieden von 1648 kam Leutershausen wieder an die Kurpfalz. Im Jahre 1700 erwarb der kurfürstliche Kanzler Franz Melchior von Wiser das Lehen. Seit dieser Zeit war es mit seinen Besitzungen und Rechten, zu denen auch das niedere Gericht gehörte, in der Hand der in den Grafenstand erhobenen Familie von Wiser, bis dann das mittelalterliche Lehnsystem im 19. Jahrhundert zu Ende ging.

Doch zurück zur Geschichte der Pfarrei. Die Reformation wurde wohl durch die Kurpfalz 1556 eingeführt. Leutershausen musste dann, wie viele Orte zu jener Zeit, den häufigen Konfessionswechsel mitmachen, da die Pfalz jeweils das Bekenntnis und den Pfarrer bestimmte. Im 17. Jahrhundert hören wir nichts von einer katholischen Gemeinde, erst für die Zeit nach 1696 ist die Anwesenheit von Katholiken in Leutershausen nachgewiesen. Diese durften den Chorraum der evangelischen Kirche benutzen, der vom Kirchenschiff durch eine Wand abgetrennt wurde.

Auf dem Platz vor dem Schloß, das Ferdinand Andreas Graf von Wiser 1710 erbauen ließ, wurde von ihm 1737 eine Kapelle errichtet, die 1742 die Weihe erhielt und von Anfang an das Gnadenbild der Schwarzen Maonnabeherbergte. In dieser Zeit ist erstmals die Wallfahrt in Leutershausen bezeugt. Ob schon vorher, vielleicht in den Wirren des Dreißigjährigen Krieges, Pilger hierher gekommen sind, um bei der Gottesmutter Schutz und Fürbitte zu erflehen, ist ungewiss. Zeugnis darüber gibt es nicht. Die Kapelle wurde als Loreto-Kapelle erbaut. Sie sollte eine Nachbildung des Heiligen Hauses von Loreto in Italien sein, also des Hauses der Heiligen Familie von Nazareth, das nach der Legende nach Italien versetzt worden ist. Das Gnadenbild ist ebenfalls eine Nachbildung der schwarzen Madonna von Loreto.

Die Pfarrgottesdienste fanden zu dieser Zeit noch im Chor der evangelischen Kirche statt. Bald aber wurde im Jahre 1752 eine neue katholische Kirche als schlichter Barockbau vor dem Wiser'schen Schloß errichtet. Dieses Gotteshaus stand im rechten Winkel angefügt an die Loreto-Kapelle. Die ältesten Einwohner von Leutershausen erinnern sich noch gut an die damalige Kirche. Die Kapelle mit dem Gnadenbild war durch die Kirche zugänglich. Die Wallfahrt, bei der Maria unter dem Titel "Hilfe der Christen" verehrt wird, erlebte in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ihre größte Blütezeit. An einzelnen Wallfahrtstagen versammelten sich zweitausend und mehr Menschen vor der Kirche, um die Heilige Eucharistie zu Ehren der Gottesmutter zu feiern. Der Pfarrgemeinde diente die Kirche bis zum Jahr 1907 als Gotteshaus. Sie wurde nach der Erbauung der jetzigen Kirche abgerissen. Der Barockaltar steht heute noch in der Loreto-Kapelle, die erhalten blieb und nun zum Schloßbezirk gehört.

Liturgische Gegenstände aus der alten Kirche

Eine vergoldete Monstranz von 1760. Vor dem Strahlenkranz sind in feiner Goldschmiedearbeit ein Weinstock und Ähren herausziseliert. Das Behältnis ist mit Halbedelsteinen geschmückt, darüber sind das Auge Gottes und die Taube als Symbol des Heiligen Geistes zu sehen. Ein Kelch von 1739, Silber vergoldet. Am Fuß finden wir die Inschrift "Ecclisiae Collegii, Heidelberg: S. j. ddt. P. Laurent: Engelhard eiusdsoc: 1739.-" Am Fuß ist ein Beschauzeichen und eine Meistermarke JJS, wahrscheinlich Johann Jakob Schoap, Augsburg. Weihbischof Anton von Merie weihte 1739 einen Kelch für das Seminarium Carolinurn, die Schule der Jesuiten in Heidelberg. Der Kelch kam wahrscheinlich erst nach der Aufhebung des Jesuitenordens (1773) nach Leutershausen. Ein Kreuzreliquiar von 1760, Silber, teilweise vergoldet, mit Rocaillen und Halbedelsteinen. Die Rocaille ist ein Ornament, das im Rokoko gern verwendet wurde und zuweilen auch die Form des Muschelwerks annahm. Im Fuß des Reliquiars befindet sich eine Urkunde, die sich auf den Kreuzpartikel bezieht; von "FR. SILVESTER MERANI januen. Ord. Erem. S. Augustini, Episc. Porphyrien. Roma 1752". Neben dieser römischen Bestätigung, dass es sich um ein Teilchen des Kreuzes Christi handelt, steht eine Beglaubigung von 1759 in Mainz. Das Kreuzreliquiar ist wohl um 1760 gefertigt worden. Mit ihm wird heute während der Sommerzeit der Wettersegen gespendet.

Ein Altarkruzifix aus der Mitte des 18. Jahrhunderts, versilbert mit aufgelegten Rocaillen am ovalen Fuß. Der Korpus ist vergoldet. Ein silbernes Rauchfaß mit Schiffchen, ebenfalls aus der Mitte des 18. Jahrhunderts. Gräfin Carolina von Wiser, geb. von Helmstatt, stiftete ein silbernes Rauchfaß für die Loreto-Kapelle. Dieses ist wohl das jetzt in der Pfarrkirche im Gebrauch befindliche Rauchfaß. Ein ausdrucksstarkes Prozessionskreuz aus der Mitte des 18. Jahrhunderts hängt in der Nische im linken Seitenschiff der Kirche.

Die Renovierung der Kirche 1988 - 91

Die Kirche wurde von 1988-91 unter Pfarrer Klaus Bader und später unter Pfarrer Alfons Kilian einer gründlichen Außen- und Innenrenovation unterzogen. Dabei trat auch die Schönheit der Glasmalereien in den Fenstern des Chorraumes und in der Gnadenkapelle wieder voll zutage. Sie wurden im Jahr 1907 von der Offenburger Firma Schell & Vitali geschaffen.

Bei der Restaurierung des Chorraums wurde die florale Ummalung an den Schlußsteinen freigelegt und die Schlußsteine restauriert und vergoldet. Sie geben dem ganzen Chorraum ein festliches Gepräge.

An der Holzdecke im Mittelschiff wurde die Übermalung von 1956 wieder abgenommen und die ursprüngliche Fassung freigelegt. Dabei traten in je neun parallel laufenden quadratischen Feldern Symboldarstellungen zutage, die in der alten lauretanischen Litanei auf die Gottesmutter angewandt werden: "Du geheimnisvolle Rose, Du starker Turm Davids, Du Bundeslade Gottes..." Die gleichen Symboldarstellungen erscheinen etwas stilisierter als Glasmalereien in den Fenstern der Seitenschiffe. Ebenso wurde die Malerei unter der Empore freigelegt: das gleichzeitige Dreieck, Symbol für die Dreifaltigkeit Gottes, flankiert von zwei Engelsfiguren, die zur Anbetung einladen. Die Wandflächen in der Gnadenkapelle wurden nach der ursprünglichen Fassung in Form und Farbe (Quaderbemalung) rekonstruiert. Die Rankenmalereien an der Gewölbedecke wurden freigelegt und rekonstruiert, ebenso die historische Bemalung an den Schlußsteinen und die Fassung an den Gewölberippen.

Der Zelebrationsalter ("Tisch des Brotes") und der Ambo ("Tisch des Wortes") wurden im Jahre 1990 in der Bildhauerwerkstätte der Firma Treffler in Friedberg b. Augsburg geschaffen. Sie sind in Fassung und Stil dem spätgotischen Kirchenraum nachempfunden. In die vier Seiten des Ambo wurden die Halbplastiken der vier Evangelisten eingefasst, die ursprünglich die Kanzel der Kirche schmückten.